Substack-Autor Jonathan Edwards hat letzte Woche eine steile These veröffentlicht, die meine Neugier geweckt hat: Apple sei längst die wichtigste KI-Firma und kaum jemand rede darüber. Das Argument dahinter ist ernster, als der Ton vermuten lässt.
Apple is the number one, undisputed king of AI right now, and almost nobody knows it. NVIDIA is a dead man walking.
Jonathan Edwards am 17. Juli 2026 auf Substack
Das Argument lautet: Die KI-Inferenz, also die eigentliche Nutzung von Modellen, wandert gerade von den Rechenzentren auf speicherstarke Geräte, die man selbst besitzt. Wir haben die Zahlen des Beitrags nachgeprüft, sie halten weitgehend stand. Dieser Artikel ordnet die These ein, benennt ihre Schwachstellen und beschreibt, was sie konkret für uns bedeutet, die wir selbst täglich mit KI-Werkzeugen arbeiten.
Inhalt
Zwei verschiedene Fragen
Die öffentliche Wahrnehmung von KI misst genau eine Sache: Wer hat das beste Modell und wer verkauft die Chips, mit denen es trainiert wird. Nach diesem Massstab ist NVIDIA unantastbar. Das Unternehmen war am 29. Oktober 2025 die erste Firma der Geschichte mit einer Bewertung von fünf Billionen US-Dollar, im Mai 2026 erreichte sie kurzzeitig 5,5 Billionen. Fast der gesamte Aufschwung an den Börsen hängt an der Annahme, dass die Nachfrage nach zentraler Rechenleistung praktisch unbegrenzt weiterwächst.

Dieser Massstab misst aber nur das Training. Das Training ist die einmalige, teure Erschaffung eines Modells. Die Inferenz ist die millionenfache tägliche Nutzung danach. Die These des Substack-Beitrags lautet: Das eigentliche Volumen, die Milliarden täglicher Anfragen, wandert gerade weg aus dem Rechenzentrum. Und wenn das stimmt, dann verschiebt sich die entscheidende Frage dorthin, wo kaum jemand hinschaut, weil alle auf die Modelle blicken.
Jede grössere Technologiewelle endete bisher ähnlich. Der Grossrechner wurde zum PC, der Timesharing-Zugang zum Laptop, die Cloud zum Rand des Netzes. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht «Wer hat das beste Modell?», sondern «Wenn die Modelle gratis werden, auf welcher Hardware laufen sie dann?». Wie berechtigt diese Umkehrung ist, haben wir schon in unserer Analyse zu Open Source in der KI und zu The State of AI 2025 gestreift. Der Substack-Beitrag treibt sie auf die Spitze.
Die Modelle wurden schneller gratis als geplant
Die erste Hälfte des Arguments ist überprüfbar und stimmt. Die Kadenz der Open-Weight-Veröffentlichungen 2026 ist bemerkenswert. Alibaba, DeepSeek, Moonshot, MiniMax und Z.ai haben in kurzen Abständen Modelle mit offenen Gewichten unter freizügigen Lizenzen veröffentlicht.
- Anfang Juni 2026 veröffentlichte MiniMax M3, ein Modell mit einem Kontextfenster von einer Million Token und nativer Multimodalität.
- Mitte Juni folgten Moonshots Kimi K2.7 Code und Z.ais GLM-5.2, das auf dem Intelligence-Index von Artificial Analysis zeitweise das stärkste offene Modell war.
- Am 16. Juli 2026 kündigte Moonshot Kimi K3 an, ein Mixture-of-Experts-Modell mit rund 2,8 Billionen Parametern und einem Kontextfenster von einer Million Token. Es rangiert laut Artificial Analysis auf Rang vier von 189 Modellen, auf Augenhöhe mit Claude Opus 4.8 und GPT-5.5. Die Gewichte sollen bis zum 27. Juli 2026 öffentlich sein.

Der Punkt ist nicht die einzelne Veröffentlichung, sondern der Takt. Etwa alle drei bis sechs Wochen erscheint ein Modell nahe am Frontier-Niveau, frei herunterladbar. Gegen ein einzelnes Modell kann man einen Wettbewerbsvorteil verteidigen. Gegen einen Takt nicht. Bis eine Veröffentlichung in der eigenen Weltsicht verarbeitet ist, sind zwei weitere erschienen. Der Abstand zwischen dem besten Modell, das man kaufen kann und dem besten, das man gratis herunterladen kann, wird in einstelligen Benchmark-Punkten gemessen und schrumpft weiter.
Damit stellt sich die Frage, die der Markt bisher meidet: Wo laufen diese gratis verfügbaren Modelle eigentlich, wenn nicht in einem gemieteten Rechenzentrum?
Warum es auf Speicher ankommt, nicht auf Rechenleistung
Hier liegt der technische Kern der These. Grosse Modelle sind bei der Inferenz nicht durch Rechenleistung begrenzt, sondern durch Speicher. Ein Mixture-of-Experts-Modell aktiviert pro Token nur einen Bruchteil seiner Parameter, die eigentliche Rechenarbeit ist überschaubar. Trotzdem muss das gesamte Modell in schnellem Speicher liegen, alle Parameter, jederzeit abrufbar. Der Engpass sind nicht die Rechenoperationen. Es sind die Bytes.
NVIDIAs Antwort auf «Bytes» ist VRAM, der Grafikspeicher auf der Karte. Und genau hier bricht die Consumer-Geschichte zusammen. Die grösste Karte, die NVIDIA für die Workstation verkauft, die RTX Pro 6000 Blackwell, hat 96 GB. Das ist die Obergrenze. Ein grosses offenes Modell in 4-Bit-Quantisierung belegt schnell mehrere hundert Gigabyte. Eine einzelne Karte kann ein modernes offenes Frontier-Modell nicht halten.

Apples Antwort ist Unified Memory, ein grosser gemeinsamer Speicherpool für Prozessor und Grafikeinheit. Der M3 Ultra erreicht eine Speicherbandbreite von 819 GB/s. Apple hat einen Mac Studio angeboten, den man mit 512 GB Unified Memory konfigurieren konnte, für rund 9’500 US-Dollar, bei einer Leistungsaufnahme von etwa 200 Watt. Die Software zog nach. MLX, Apples auf diese Architektur zugeschnittenes Machine-Learning-Framework, plus eine Community, die jede grössere Veröffentlichung innerhalb von Tagen quantisiert.
Die Belege sind öffentlich. DeepSeeks Modell mit 671 Milliarden Parametern läuft in 4-Bit auf einem einzelnen Mac Studio mit 512 GB. Es belegt dabei rund 404 GB. Auf NVIDIA-Workstation-Karten bräuchte man für dieselbe adressierbare Speichermenge fünf bis sechs Karten. Der Unterschied ist keine Detailfrage auf dem Datenblatt, er ist strukturell.
Was die Hardware wirklich kostet
Man muss nichts übertreiben, die nüchternen Zahlen genügen. Die RTX Pro 6000 Blackwell startete im März 2025 bei 8’565 US-Dollar. NVIDIAs eigener Marktplatz listet sie inzwischen bei 13’250 US-Dollar, ein Anstieg von 55% in rund 16 Monaten, getrieben durch die Knappheit bei GDDR7-Speicher. Für dieses Geld erhält man 96 GB und eine Karte mit 600 Watt. Um die Speichermenge eines 512-GB-Mac-Studio zu erreichen, braucht man fünf bis sechs davon. Das summiert sich auf 60’000 bis 75’000 US-Dollar in einer Workstation, die unter Last nahe drei Kilowatt zieht.
Der Mac Studio mit 512 GB kostete rund 9’500 US-Dollar und zieht unter anhaltender Inferenz etwa 200 bis 270 Watt. Gleiche Speicherkapazität, ein Bruchteil des Preises, ein Bruchteil des Stromverbrauchs. Das ist der Hebel, auf den die These setzt. Ob er den Massenmarkt bewegt, ist eine andere Frage. Die Nachfragekurve zeigt derzeit klar auf NVIDIA, nicht auf Apple.

Es gibt allerdings einen Haken, den der Beitrag selbst einräumt: Den 512-GB-Mac-Studio kann man aktuell gar nicht mehr kaufen. Apple hat die Konfiguration im Frühling 2026 aus dem Sortiment genommen, wegen der weltweiten Speicherknappheit. Der M3 Ultra ist heute bei 96 GB gedeckelt. Dieselbe Knappheit trieb den Preis der NVIDIA-Karte nach oben. Der gesamte Hardwarestreit ist im Kern zu einem Streit um Speichernachschub geworden.
Ein Kabel für 69 Franken statt Serverschrank
Ein Einwand liegt nahe: Man kann Grafikkarten verketten. Bei NVIDIAs Workstation-Karte aber nur eingeschränkt. NVIDIA hat NVLink, den schnellen direkten Verbund zwischen Karten, aus der RTX Pro 6000 Blackwell entfernt. Mehrere dieser Karten kommunizieren über den langsameren PCIe-Bus. Der echte Hochgeschwindigkeitsverbund lebt nur noch im Serverraum, in Systemen, die im sechsstelligen Bereich beginnen.

Apples Verbindungsgeschichte ist ein Thunderbolt-5-Kabel. MLX unterstützt verteilte Inferenz nativ. Das Open-Source-Projekt EXO ermöglicht direkten Speicherzugriff zwischen mehreren Macs über Thunderbolt. Menschen verketten Mac Studios auf dem Schreibtisch und betreiben Modelle, die in keine einzelne Maschine passen. Ein Cluster aus vier Mac Studios, verbunden mit Kabeln, die weniger kosten als ein Abendessen, liegt preislich bei rund 40’000 US-Dollar. Auf der einen Seite ein Stapel Consumer-Rechner mit Kabeln im Heimbüro, auf der anderen ein kleines Rechenzentrum mit einer Netzwerkstruktur, die mehr kostet als ein Haus.
Die entscheidende Frage ist, welche dieser beiden Varianten sich auf eine Million gewöhnliche Unternehmen herunterbrechen lässt. Für den Serverraum spricht die Rohleistung. Für den Schreibtisch spricht, dass fast jeder ihn aufstellen kann.
Datenschutz als eigentliches Produkt
Es gibt ein Argument, das über die reine Kostenrechnung hinausgeht und für den DACH-Raum besonders schwer wiegt. Ein lokales Modell auf eigener Hardware bedeutet, dass Anfragen, Dokumente und das gesammelte Wissen eines Unternehmens die eigenen vier Wände nie verlassen. Es gibt keinen Server, den man vorladen könnte, keine Protokolle, die verloren gehen können, keine Aufbewahrungsrichtlinie, der man vertrauen muss.
Für Medizin, Recht, Finanzen und Verwaltung, also für alle, deren Daten der Kern ihres Geschäfts sind, ist das keine Nebenfunktion. Es ist das eigentliche Produkt. Genau diesen Zusammenhang haben wir in unserem Beitrag zur digitalen Privatsphäre in Europa und der Schweiz ausführlicher beschrieben. Eine Anfrage, die das Haus nie verlässt, ist die privateste Form der Verarbeitung, die es gibt. Was die Rechnung am Ende verschiebt, ist deshalb nicht eine grössere Cloud-Rechnung, sondern eine Maschine, die einmal gekauft wird und danach nur noch Strom kostet.
Der Praxistest: Können wir uns unser Abo bald sparen?
An diesem Punkt wird die These für uns konkret. Bei Openstream entwickeln wir aktuell mit den Frontier-Modellen von Anthropic und OpenAI. Konkret läuft ein grosser Teil unserer Entwicklungsarbeit über Claude Code, das agentische Terminal-Werkzeug von Anthropic, gebunden an ein Abo. Claude Max kostet 100 US-Dollar pro Monat in der fünffachen und 200 US-Dollar in der zwanzigfachen Nutzungsstufe. Die naheliegende Frage lautet: Wenn die offenen Modelle das Niveau erreichen und es dazu freie Werkzeuge gibt, können wir uns das Abo dann sparen?
Die Werkzeuge existieren bereits. OpenCode ist ein quelloffener, terminalbasierter Coding-Agent unter MIT-Lizenz, der modellagnostisch arbeitet und mit über 75 Anbietern läuft, darunter lokale Endpunkte über Ollama, llama.cpp und LM Studio. Crush von Charm geht in dieselbe Richtung. Beide lassen sich mit offenen Modellen wie Kimi, GLM oder DeepSeek betreiben. Wir haben die Verschiebung der Entwicklerrolle bereits in Die neue Rolle von Software Entwicklerinnen und Entwicklern beschrieben. Der Unterbau dafür wird gerade quelloffen.
Bevor man das Abo kündigt, lohnt ein genauer Blick auf die Benchmarks, denn hier wird oft mit falschen Zahlen argumentiert. Die spektakulären Werte der offenen Modelle, teilweise über 90% auf SWE-bench Verified, sind fast durchweg Herstellerangaben aus Einzelläufen mit dem jeweils eigenen Werkzeug. Der strengste unabhängige Prüfer, Epoch AI, hatte die Spitzenwerte im Juli 2026 noch nicht bestätigt. Wer die Modelle unter gleichen Bedingungen misst, sieht ein ehrlicheres Bild.
Zwei Befunde sind dabei belastbar und erklären, warum wir vorerst beim Abo bleiben.
- Die Lücke liegt weniger im Modell als im Werkzeug. Auf dem offiziellen Leaderboard von Terminal-Bench, das ganze Werkzeugketten misst, führt Claude Code mit einem Frontier-Modell bei rund 84%, das beste offene Modell im Spitzenfeld liegt bei rund 59%. Misst der unabhängige Evaluator Vals.ai aber alle Modelle im selben, neutralen Werkzeug, schrumpft der Abstand drastisch. Dort liegt Kimi K3 bei rund 81%, praktisch gleichauf mit den besten geschlossenen Modellen. Ein grosser Teil des Vorsprungs von Claude Code und Codex stammt also nicht aus dem Modell, sondern aus dem ausgereiften Harness, dem Gerüst aus Werkzeug-Loop, Kontextverwaltung und Fehlerkorrektur. Genau bei langen Loops mit vielen Schritten fehlt den offenen Werkzeugen wie OpenCode und Crush heute noch, was Anthropic und OpenAI an Wiederherstellung nach Fehlern investiert haben.
- Die lokale Hardware muss erst angeschafft werden und ist nicht günstig. Ein 512-GB-Mac-Studio kostete rund 9’500 US-Dollar und ist derzeit nicht erhältlich. Und selbst wenn er es wäre, ist der Flaschenhals nicht die Ausgabegeschwindigkeit, sondern das Prompt-Processing, also die Zeit bis zum ersten Token. Ein grosses Modell braucht auf dem Mac Studio bei einem Kontext von rund 40’000 Token mehrere Minuten, bevor es überhaupt zu antworten beginnt. Ein Praxisbericht über sechs Monate nennt rund 90 Sekunden pro Schritt bei einem grossen Systemprompt, brauchbar für geduldige Einzelabfragen, aber zäh für den interaktiven Agenten-Loop, der bei jedem Schritt viel Kontext neu verarbeitet.
Daraus folgt eine unbequeme, aber ehrliche Kostenrechnung. Bei intensiver agentischer Nutzung ist das Abo derzeit klar günstiger als der reine Token-Verbrauch über die Programmierschnittstelle, weil ein Grossteil der Anfragen aus zwischengespeichertem Kontext bedient wird. Für die Art, wie wir arbeiten, sind 100 US-Dollar im Monat deshalb nicht die teure, sondern die günstige Option.
Ein lokaler Aufbau, der den langen Loop wirklich flüssig bedient, kostet ein Mehrfaches an Hardware und ist heute langsamer. Die Umkehrung dieser Rechnung ist keine Frage des Ob, sondern des Wann. Sobald ein offenes Modell in einem ausgereiften offenen Werkzeug den langen Loop zuverlässig meistert und eine bezahlbare Maschine ihn schnell genug ausführt, verschiebt sich die Kalkulation. Bis dahin bleibt die Kombination aus Frontier-Modell und ausgereiftem Harness für uns die günstigere und schnellere Option. Wir beobachten den Punkt genau.
Was an der These kritisiert wird
Der Beitrag ist ausdrücklich ein Meinungsstück und mehrere seiner Zuspitzungen halten einer nüchternen Prüfung nicht stand.
- Die Zuspitzung, NVIDIA sei praktisch am Ende, ist rhetorisch, nicht analytisch. Das Training bleibt im Rechenzentrum, CUDA bleibt ein realer Wettbewerbsvorteil bei Forscherinnen und Forschern und die Labore kaufen weiter Trainingscluster. Der Autor räumt das selbst ein.
- Die Beispiele setzen eine Hardware voraus, die es aktuell nicht zu kaufen gibt. Der 512-GB-Mac-Studio ist aus dem Sortiment. Der Beitrag dreht das zwar zu einem Argument für Apples Speicherstrategie, aber für Käuferinnen und Käufer heute ist die Maschine schlicht nicht verfügbar.
- Der Sprung von «läuft lokal» zu «ersetzt die Cloud» ignoriert die Geschwindigkeit. Für den interaktiven agentischen Betrieb ist lokale Inferenz auf Consumer-Hardware heute vielerorts zu langsam. Der Beitrag lässt diese Nuance weg.
- Einzelne Zahlen sind bereits überholt. Der Beitrag nennt für die Investitionen der Hyperscaler 2026 einen Wert von 635 bis 690 Milliarden US-Dollar. Moody’s hat die Prognose inzwischen Richtung 785 Milliarden angehoben, mit Kurs auf eine Billion bis 2027. Das stützt zwar das Blasen-Argument des Autors, macht die genannte Zahl aber ungenau.
Was an der These dennoch stimmt
Bei aller Zuspitzung enthält der Beitrag Beobachtungen, die belastbar sind. Fast jede harte Zahl, die wir überprüft haben, stimmt.
- Die Kadenz der offenen Modelle ist real. Ein Modell nahe am Frontier-Niveau erscheint tatsächlich etwa alle drei bis sechs Wochen, unter freizügiger Lizenz. Kimi K3 mit rund 2,8 Billionen Parametern ist echt und rangiert unter den Top vier.
- Der Speicherengpass ist real. Grosse Modelle sind bei der Inferenz speichergebunden und Apples Unified-Memory-Architektur adressiert genau diesen Punkt günstiger pro Byte als NVIDIAs VRAM.
- Die Signale einer Überhitzung im Rechenzentrumsgeschäft sind real. Moody’s beziffert 662 Milliarden US-Dollar an noch nicht bilanzierten Rechenzentrums-Mietverpflichtungen der grossen fünf. Die Mietpreise für NVIDIAs B200 fielen im Juni 2026 innert drei Wochen um rund 30%. Das ist ein Hinweis, dass das Angebot an Rechenleistung der Nachfrage vorausläuft.
- Selbst NVIDIA hedged in Richtung dieser Zukunft. Der DGX Spark, NVIDIAs «persönlicher KI-Supercomputer» für den Schreibtisch, ist eine kleine Kiste mit 128 GB Unified Memory für rund 4’000 US-Dollar. Das ist konzeptionell näher an einem Mac Studio als an einer klassischen Grafikkarte im Rack.
Die belastbare Lesart ist damit nicht «Apple ist oben, NVIDIA ist unten», sondern nüchterner: Die Inferenz beginnt zu wandern. Es braucht nicht alle Anfragen, die lokal laufen, um das Geschäftsmodell zu treffen. Es braucht nur den Rand der Marge. Überkapazität, die für unendliche Nachfrage gebaut wurde, plus Nachfrage, die leise abwandert, ergibt keine Korrektur, sondern eine Neubewertung.
Die Schweizer Perspektive: Apertus und lokale Souveränität
Für die Schweiz hat diese Verschiebung eine besondere Note. Mit Apertus, dem offenen Sprachmodell von ETH und EPFL, existiert bereits ein Modell, das ausdrücklich für lokales Hosting und Datensouveränität gedacht ist. Die Logik der lokalen Inferenz und die Logik eines offenen Schweizer Modells greifen ineinander. Wer ein offenes Modell auf eigener Hardware betreibt, entscheidet selbst über Datenhaltung, Aufbewahrung und Zugriff, ohne auf die Rechtslage eines fremden Rechenzentrums angewiesen zu sein.

Das passt zur regulatorischen Realität in Europa. Wer unter dem revidierten Datenschutzgesetz oder der EU-Regulierung arbeitet, für den ist die Frage «Wo liegen meine Daten physisch?» keine akademische. Ein lokal betriebenes Modell beantwortet sie mit «hier». Schweizer Anbieter von KI-Infrastruktur wie das in Zürich ansässige Angebot, das wir in AIVITY: GPU-Server und KI-Infrastruktur aus Zürich vorgestellt haben, besetzen genau die Mittelschicht zwischen reiner Cloud und dem eigenen Schreibtisch. Nicht jedes Unternehmen wird einen Mac-Cluster ins Büro stellen, aber die Auswahl an souveränen Optionen wächst.
Einordnung
Die Überschrift des Substack-Beitrags ist bewusst überzogen, aber die Frage dahinter ist berechtigt. Für die eigene Planung lassen sich drei Folgerungen ziehen.
- Mehrere Optionen offenhalten. Wer heute vollständig auf ein Cloud-Abo setzt, sollte die offene Alternative im Blick behalten. Der Abstand zwischen bezahlten und freien Modellen schrumpft messbar. Ein Wechsel wird nicht heute nötig, aber die Weichen dafür stellt man früh.
- Zwischen Einzelabfrage und Agenten-Loop unterscheiden. Für Zusammenfassungen, Übersetzungen und einzelne Aufgaben sind offene Modelle auf lokaler Hardware schon heute praktikabel, gerade wenn Datenschutz zählt. Für lange, mehrstufige agentische Abläufe bleibt die Cloud vorerst schneller und zuverlässiger. Die eigene Kalkulation sollte diese beiden Fälle trennen.
- Datenschutz als Standortvorteil begreifen. Für Unternehmen in Medizin, Recht, Finanzen und Verwaltung ist lokale Inferenz weniger eine Kostenfrage als eine Vertrauensfrage. Ein Modell, dessen Anfragen das Haus nie verlassen, ist im DACH-Raum ein Verkaufsargument, kein technisches Detail.
Ob Apple am Ende die stille Schlüsselrolle spielt, wird sich zeigen. Sicher ist: Was über die Zukunft der KI entscheidet, spielt sich nicht nur dort ab, wo alle hinschauen. Es spielt sich auch bei einer Frage ab, über die kaum jemand spricht, nämlich auf wessen Speicher die Modelle laufen, wenn sie erst gratis sind.
Quellen
- Limited Edition Jonathan: «Apple Is the King of AI and Nobody Knows It» (17. Juli 2026)
- TechCrunch: NVIDIA erreicht als erste Firma fünf Billionen US-Dollar Bewertung
- MacRumors: Mac Studio mit M3 Ultra betreibt DeepSeek lokal
- Thunder Compute: Preisentwicklung der RTX Pro 6000 Blackwell (Juli 2026)
- VentureBeat: Moonshot veröffentlicht Kimi K3
- OpenRouter: Die relevanten Open-Weight-Modelle im Juni 2026
- Tom’s Hardware: Apple streicht die 512-GB-Option des Mac Studio
- MacRumors: Apple testet CXMT-Speicher aus China
- Fortune: Moody’s zu 662 Milliarden an Rechenzentrums-Mietverpflichtungen
- NVIDIA: DGX Spark, persönlicher KI-Supercomputer mit 128 GB Unified Memory
- OpenCode: quelloffener terminalbasierter Coding-Agent
- Terminal-Bench: offizielles Leaderboard für agentische Werkzeugketten
- Vals.ai: Terminal-Bench-Messung mit neutralem, geteiltem Harness
- Epoch AI: unabhängige Verifikation von SWE-bench Verified
- «Stop Comparing LLM Agents Without Disclosing the Harness» (arXiv)
- Anthropic: Preisübersicht Claude Max
- MIT-Report: 95% der KI-Pilotprojekte ohne messbaren Ertrag
Hauptbeitragsbild von Vlad R ar7work.

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