Die Frage, ob europäische Open Source KI Modelle bis 2028 mit US-amerikanischen proprietären Frontier-Modellen mithalten können, stiess am zweiten Tag des AI Summit Barcelona auf Gelächter im Publikum. Was folgte war eine sehr kompetente und aufschlussreiche Diskussion mit dem Titel «Sovereign AI or Surrender?».
Angekündigt war ein «Streit»: Die eine Seite sollte argumentieren, Europa müsse aufhören, seine Zukunft zu mieten. Die andere sollte sagen, man habe bereits verloren, also solle man sich Partner suchen und damit abfinden. Am Ende der Stunde sass ein hochkarätig besetztes Panel auf der Bühne, das sich in der Sache weitgehend einig war.
Moderiert von Damien Acheson, CMO bei Upside Partners und Mitgründer einer KI-Sichtbarkeitsplattform, traten sie in 3 «Runden» an. Das Publikum stimmte vor und nach jeder Runde ab. Je länger die Debatte dauerte, desto weniger blieb vom angekündigten Gegensatz übrig. Der gemeinsame Befund fällt unbequemer aus als jede der beiden zugespitzten Ausgangspositionen.
Diese Podiumsdiskussion habe ich nicht im Saal verfolgt. Vor der Auditorium Stage stand eine Schlange, die jede Hoffnung auf einen Platz zunichtemachte. Der Raum war für das, was an diesem Nachmittag hineinwollte, schlicht zu klein. Ich bin also ausgewichen und habe die Debatte auf dem Livestream verfolgt. Zum Veranstaltungsort komme ich am Schluss zurück, weil das kein Einzelfall war.
Inhalt
Wer auf der Bühne sass
Die Besetzung deckte die Bruchlinien der Debatte gut ab.
- Diego Perino, Direktor des AI Institute am Barcelona Supercomputing Center, wo er 150 Forschende leitet. Zuvor bei Meta in der GenAI-Evaluation und bei Responsible AI für offene Modelle wie Llama, davor Direktor von Telefónica Research.
- Pedro Romera, AI Solutions Architect bei CTT Express, dem grössten Logistikunternehmen Spaniens und Portugals mit über einer Million Paketen täglich. 6 Jahre AWS in EMEA-Führungsrollen.
- Nouamane Tazi, ML Research Engineer bei Hugging Face, Hauptautor des Ultra-Scale Playbook und Kernentwickler von Nanotron, der Open Source Bibliothek für verteiltes Training.
- Jan Kavalírek, ehemaliger Vizeminister für Industrie und Handel der Tschechischen Republik, heute Director for EU AI Affairs bei Czech Radiocommunications und verantwortlich für das tschechische Gigafactory-Projekt.
- Justin Strharsky, Gründer von Humyn.ai und des Longview Institute for AI Leadership, Head of Research beim Australian Institute for Transformation & AI.
- Siobhan Fairman, VP Engineering bei Adherent, wo sie KI-gestützte Compliance-Lösungen für globale Konzerne entwickelt.
Europäische Open Source Modelle gegen US-Frontier-Modelle
Diego Perino, der die Motion stützen sollte, tat etwas Ungewöhnliches: Er stellte die Frage in Abrede. Ob Europa im Rennen um Frontier-Modelle mithalte, sei nicht der richtige Massstab. Die relevante Frage sei, ob Europa ein KI-Ökosystem baue, das der Gesellschaft, den Unternehmen und der Verwaltung nütze.
Sein Argument für Open Source drehte sich nicht um die Offenheit der Gewichte, sondern um Anpassbarkeit. Ein Forschungslabor in den Lebenswissenschaften brauche etwas anderes als eines in den Naturwissenschaften und beide etwas anderes als eine Verwaltung. Für das Arbeiten mit eigenen Daten brauche es kein Frontier-Modell. Offene Modelle seien darin gut genug. Die Anpassung sei der eigentliche Hebel.
Perino verschob damit auch den Souveränitätsbegriff. Souveränität sei nicht binär, sondern eine Abfolge von Schritten. Wichtiger als ein eigenes Spitzenmodell sei die Kontrolle darüber, welches Modell auf welcher Hardware mit welchen Daten laufe und ob man es nach eigenen Kriterien geprüft habe. Aus seiner Erfahrung entstehe der geschäftliche Wert ohnehin selten an der Frontier, sondern bei einem Modell, das zur Aufgabe passe und gute Auswertung, Daten und Werkzeuge um sich herum habe.
Pedro Romera hielt die Gegenrechnung aus der Praxis dagegen. Er tat es ausdrücklich ungern. Er baue bei CTT Express gerade eine Plattform zur Steuerung von Agenten. Die einzige realistische Wahl seien amerikanische Frontier-Modelle. Er hätte es gerne anders, aber es sei nicht so.
Sein zweiter Punkt traf die europäische Position härter als der erste. Wenn es um Souveränität gehe, müsse man zur Kenntnis nehmen, dass Mistral als europäischer Vertreter unter den chinesischen Open Weight Modellen liege. Europa stehe also zwischen amerikanischen proprietären Modellen und chinesischen offenen Modellen und habe in beiden Kategorien nichts Gleichwertiges. Wie sich das für Schweizer Verhältnisse darstellt, haben wir im Vergleich der KI-Anbieter in der Schweiz aufgearbeitet.
Interessant war, wie Romera das praktisch auflöst. Er bezieht proprietäre Modelle so, dass sie in Rechenzentren innerhalb der EU laufen. Als Kunde könne man auf diese Anbieter Einfluss nehmen und Datenresidenz einfordern. Das ist keine Souveränität im starken Sinn, aber es ist verhandelbare Abhängigkeit.
Der EU AI Act und die europäische Wettbewerbsfähigkeit
Die zweite Runde führte zum EU AI Act. Acheson formulierte sie mit hörbarer Selbstironie: Man liebe es in Europa, sich aus Problemen herauszuregulieren, man sei schliesslich das grosse R. Wie sich die Regeln auf den Alltag auswirken, haben wir in unserem Beitrag zur Regulierung von KI beschrieben.
Nouamane Tazi verteidigte die Regulierung mit einem Argument, das nicht bei Europa ansetzte, sondern bei der Entwicklung der amerikanischen Anbieter. Früher habe ChatGPT die Gedankengänge des Modells angezeigt und das sei gut angekommen. Dann habe OpenAI sie entfernt. Heute stehe dort nur noch «denkt nach». Transparenz werde also aktiv zurückgebaut, aus Wettbewerbsgründen.
Sein Punkt: Niemand würde bei gleicher Leistung freiwillig das intransparente Modell wählen. Regulierung, die Transparenz erzwinge, arbeite deshalb nicht gegen den Markt, sondern gegen ein Verhalten, das dem Markt schadet. Europa führe in zertifizierungsintensiven Branchen wie Automobil und Medizintechnik, Regulierung sei also nicht per se ein Nachteil.
Den entscheidenden Satz sagte Tazi allerdings zur Wettbewerbsfähigkeit: Nicht die Regulierung bremse Europa, sondern der Mangel an Kapital, an Rechenleistung und an Talent. Damit war die Debatte eigentlich schon an ihrem Kernpunkt.
Jan Kavalírek widersprach nicht der Transparenz, sondern der Bürokratie. Er unterschied beides ausdrücklich. Er brachte eine Reihe von Zahlen mit, die weiter unten eingeordnet werden. Sein politisches Gewicht in dieser Runde kam aus seiner Vorgeschichte: Als tschechischer Vizeminister hatte er auf Ratsebene die Verschiebung des AI Act vorgeschlagen und durchgebracht.
Sein Argument war kein Argument gegen Regulierung. Er nannte Artikel 5 mit den verbotenen Praktiken ausdrücklich richtig, niemand wolle Social Scoring oder manipulative Systeme. Der Einwand galt dem Aufwand: Man müsse nicht Tausende Seiten Rahmenwerk schreiben und 2 bis 3 Jahre warten, bis ein Produkt auf den Markt komme.
Den schärfsten Punkt setzte er bei einer laufenden Initiative im Europäischen Parlament, die eine Pause bei der Entwicklung von Frontier-Modellen in der EU und neue Zertifizierungsstellen vorschlägt. Kavalíreks Einwand: Man solle nicht regulieren, was man in Europa gar nicht habe. Zuerst müsse man die Technologie besitzen, um in der Debatte über ihre Kontrolle überhaupt relevant zu sein.
Tazi gab ihm in einem Punkt recht, der aus seiner eigenen Arbeit stammt. Er hat am Schweizer Modell Apertus mitgearbeitet, das AI-Act-konform sein sollte. Bei der Datenkuratierung und beim Training sei man dort auf Details eingegangen, die den Frontier-Laboren erkennbar gleichgültig seien. Das habe die Entwicklung gebremst. Sein Schluss war nicht, die Regulierung abzuschaffen, sondern sie zu staffeln: Kleine und mittelgrosse Modelle gehörten ausgenommen, streng geprüft werden solle, was systemisches Risiko trage.
Das Publikum entschied sich deutlich. 66% hielten den AI Act für schädlich für die europäische Wettbewerbsfähigkeit.
Ist europäische KI-Souveränität eine Fantasie?
Justin Strharsky sollte die These vertreten, europäische KI-Souveränität sei eine Fantasie. Er legte die rhetorisch stärkste Rede des Nachmittags hin und argumentierte auf 2 Achsen.
- Niemand habe Souveränität. Der amerikanische KI-Stack beruhe auf Lithografiemaschinen aus den Niederlanden, auf Chips aus Taiwan und auf Rohstoffen, die in Australien aus dem Boden kämen und in China veredelt würden. Das sei kein Mangel, sondern ein Vorzug.
- Das Souveränitätsziel widerspreche der Gründungsidee der EU. 6 Nationen hätten sich einst über ihre wichtigsten Industrien geeinigt und beschlossen, diese nicht je einzeln zu kontrollieren, sondern zusammenzulegen. Wer heute davon spreche, den KI-Stack besitzen zu wollen, wende sich von diesem Prinzip ab. Wohlstand sei entstanden, weil Nationen aufgehört hätten, alles selbst herzustellen. Jedes Land, das es anders versucht habe, sei ärmer geworden.
Sein konstruktiver Teil war der nützlichste Beitrag der Session. Strharsky hatte in seinem Institut KI-Verantwortliche grosser Unternehmen aus Europa, Australien und Grossbritannien zum Thema Souveränität zusammengebracht. Keiner habe über Souveränität reden wollen. Gefragt worden sei stattdessen:
- Was passiert, wenn ein Anbieter uns abschaltet?
- Was, wenn die Preise sich verdreifachen?
- Wo liegen unsere Daten und welche Gerichte haben Zugriff darauf?
- Wie wechseln wir den Anbieter, wenn wir müssen?
Das seien keine Souveränitätsfragen, sondern Fragen der Widerstandsfähigkeit. Darauf gebe es kommerzielle Antworten: Mehrmodellarchitekturen, portierbare Arbeitslasten, durchsetzbare Verträge und die Regel, keinen Anbieter ohne bekannte Alternative einzusetzen. Dass der Zugang zu einem Modell an einem Nachmittag von einer Regierung entzogen werden könne, die man nicht gewählt habe, bestritt er nicht. Die richtige Antwort darauf sei aber gute Beschaffung, nicht ein europäisches Frontier-Modell.
Siobhan Fairman stimmte der Widerstandsfähigkeit zu, widersprach aber der Schlussfolgerung. Es gehe nicht um Protektionismus, sondern um Betriebskontinuität. Ihr Vorschlag war ein Denkmodell: Souveränität als Stapel. Energie, Rechenleistung, Cloud, Modelle, Daten, Intelligenzschicht und ganz oben die Anwendung. Auf jeder dieser Ebenen müsse man sich fragen, wovon man abhänge und wie weit man vorankommen wolle.
Ihr Bild für den Zeithorizont stammte aus dem Gastgeberland. Die Sagrada Família, deren letztes Gerüst gerade falle, sei ein Beispiel dafür, was gebaut werde, um zu bleiben. Europa müsse jetzt mit dem Bau seiner KI-Kathedralen beginnen. Frontier-Modelle und Hyperscaler gäben Startups kurzfristig enorme Hebelwirkung, aber die Unternehmen, die langfristig Bestand hätten, müssten mehr aufbauen.
Strharsky übernahm das Bild und präzisierte seinen Einwand. Er sorge sich, dass Europa ein Spiel spiele, dessen Regeln andere gesetzt hätten. Es genüge nicht, jene Bausteine nachzubauen, die andere bereits hätten. Das sei vielleicht nötig, aber nicht hinreichend. Man müsse dem Markt erlauben, komparative Vorteile dort zu finden, wo man sie noch nicht vermute, statt von oben eine Richtung zu finanzieren, die aus einem Wettbewerb stamme, den man nicht selbst entworfen habe.
Der gemeinsame Nenner. Souveränität ist nicht Autarkie
In den Schlussvoten löste sich der angekündigte Gegensatz vollständig auf, an einem einzigen Begriff. Perino griff das Wort Autarkie auf: Souveränität dürfe nicht mit Autarkie verwechselt werden. Er nannte seine Position pragmatische KI-Souveränität. Nicht alles selbst bauen, sondern die eigenen Stärken bespielen, dort Modelle bauen, wo Europa Daten und Fachwissen habe. Dazu kommt das Ergänzen der fehlenden Grundbausteine, namentlich Energie und Rechenzentren.
Romera formulierte dasselbe von der anderen Seite. Die EU sei das Gegenteil eines durch Autarkie entstandenen Blocks. Wegen der geopolitischen Lage brauche es aber mehr Autonomie bei jenen Dingen, deren Ausfall der Gesellschaft schade. Seine Zusammenfassung zur Regulierungsfrage: Nicht Regulierung gegen keine Regulierung, sondern die richtige Regulierung. Nicht Autarkie gegen völlige Abhängigkeit, sondern ein Mass an Kontrolle.
Bemerkenswert war sein Gegenbeispiel zur These, Regulierung sei das Problem. China habe die strengsten Umweltvorschriften und konkurriere trotzdem erfolgreich bei den Open Weight Modellen. Regulierung allein erkläre den europäischen Rückstand also nicht.
Kavalírek blieb bei seiner Linie und gab ihr die schärfste Formulierung des Nachmittags: Irgendwann auf dem Weg habe man in Europa entschieden, führend in der Regulierung sein zu wollen statt führend in der Innovation. In diesem Wettbewerb sei man allerdings allein, niemand trete dagegen an.
Fairman brachte den Punkt ein, der die Regulierungsdebatte am weitesten trägt. Das Problem sei nicht nur der Umfang, sondern die Taktung. Ein Rechtsakt durchlaufe Lobbying, Entwurf, Verabschiedung und Inkraftsetzung über Jahre, was mit der Entwicklungsgeschwindigkeit von KI nicht mithalte. Ihr Vorschlag war ein Rückgriff auf die Grundfragen: weniger Regeln, aber bei diesen die Mittel für tatsächliche Durchsetzung. Sonst blieben Regeln Schaufensterpolitik. Unternehmen begönnen dann, die Kosten der Einhaltung gegen die Kosten eines Rechtsstreits aufzurechnen.
Tazi schloss mit dem grundsätzlichsten Gedanken. Er verwies auf einen kürzlich mit KI geführten mathematischen Beweis, dessen Prüfung kaum möglich gewesen sei. Die Gedankengänge des Modells waren nicht zugänglich und der formale Beweis ist so lang, dass ihn praktisch nur eine Maschine lesen kann. Man bewege sich auf eine Welt zu, in der nur noch die Leute an der Frontier verstünden, was vor sich gehe und aus diesem Wissen eine Burg bauten.
Faktencheck. Die Zahlen zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit
Kavalírek trug seine Argumentation über eine Reihe von Kennzahlen. Weil diese Zahlen in solchen Debatten weiterwandern, hier die Nachprüfung.
Die 800 Milliarden sind falsch zugeordnet: Kavalírek nannte sie unter Berufung auf Mario Draghi als Investitionslücke zwischen Europa und den USA. Im Draghi-Bericht von 2024 bezeichnet die Zahl etwas anderes, nämlich den zusätzlichen jährlichen Investitionsbedarf der EU von 750 bis 800 Milliarden Euro, verteilt auf Digitales, Klima und Verteidigung. Das sind 4,4 bis 4,7% des EU-Bruttoinlandprodukts. Es ist keine Differenz zu den USA und es ist ein jährlicher Betrag, was auf der Bühne wegfiel.
Die 150 Milliarden stimmen ungefähr: Die Zahl ist die Schätzung der Kommission für den wiederkehrenden administrativen Aufwand europäischer Unternehmen. Sie bezeichnet Melde- und Verwaltungsaufwand, nicht sämtliche Compliance-Kosten. Sie ist zudem die Bezugsgrösse für die Abbauziele und stammt nicht aus dem Draghi-Bericht.
Die Abbauziele sind korrekt: 25% weniger Verwaltungsaufwand für alle Unternehmen und 35% für KMU bis zum Ende der laufenden Mandatsperiode.
Die Forschungsquote ist ein Jahr alt: Das 3-Prozent-Ziel stimmt. Die 2,23% waren der Wert für 2023. Für 2024 weist Eurostat 2,24% aus. An der Aussage ändert das nichts.
Beim Produktivitätsvergleich ist der Endpunkt zu pessimistisch: Die 95% für 1995 entsprechen dem Draghi-Bericht. Der heutige Wert liegt dort bei rund 85%, nicht bei 80%.
Die BIP-Anteile mischen 2 Berechnungsarten: Die 16% für Europa entsprechen dem nominalen Anteil. Chinas Anstieg von 8 auf 16% entspricht der Kaufkraftparität. Beide Bewegungen sind real und unbestritten, aber kein einheitlicher Datensatz liefert alle 4 Zahlen.
Rechtsakte und Regulierungsstellen sind eher untertrieben: Der Draghi-Bericht nennt rund 100 technologiebezogene Rechtsakte und über 270 Regulierungsstellen. Kavalíreks «mehr als 90» und «mehr als 250» liegen darunter.
Die 85% beim Cloud-Markt stimmen: Europäische Anbieter halten rund 15% ihres Heimmarktes. Allein AWS, Microsoft und Google kommen auf etwa 70%. Der europäische Anteil fiel von 29% im Jahr 2017 auf 15% und stagniert seither.
Die Verschiebung des AI Act ist real, die Urheberschaft überzeichnet: Der Digital Omnibus verschob die Pflichten für Hochrisikosysteme nach Anhang III vom August 2026 auf Dezember 2027. Tschechien forderte auf Ratsebene tatsächlich eine Verschiebung, der Rechtsakt kam aber von der Kommission.
Die Parlamentsinitiative liess sich nicht belegen: Eine von 2 sozialdemokratischen Abgeordneten geführte Initiative für eine Entwicklungspause bei Frontier-Modellen plus neue Zertifizierungsstellen war nicht auffindbar. Was es gibt: Ursula von der Leyen sprach in ihrer Rede zur Lage der Union eine Woche zuvor davon, die Entwicklung von Frontier-Modellen zu takten. Sie gehört der EVP an und es handelt sich um eine Initiative der Kommission, nicht des Parlaments. Möglicherweise liegt hier eine Verwechslung vor.
Unterm Strich trägt Kavalíreks Argumentation. Der Cloud-Anteil, die Regulierungsdichte und die Abbauziele stimmen und stützen seinen Punkt. Die rhetorisch wirksamste Zahl, die 800 Milliarden, misst allerdings nicht das, was er ihr zuschrieb.
Einordnung
Was aus der Debatte für Unternehmen im DACH-Raum folgt, lässt sich in 5 Punkten zusammenfassen.
- Die Debatte verschob sich von Souveränität zu Abhängigkeitsmanagement: Das ist kein rhetorischer Rückzug, sondern der brauchbarere Rahmen. Strharskys 4 Fragen aus der Unternehmenspraxis sind für jedes Unternehmen beantwortbar, das KI einsetzt, unabhängig von der europäischen Industriepolitik. Wer heute Modelle über eine API bezieht, sollte wissen, was bei Abschaltung, Preisverdreifachung oder Anbieterwechsel geschieht.
- Der Widerspruch zwischen Perino und Romera ist der eigentliche Befund: Perino argumentiert aus der Forschung, dass offene, angepasste Modelle für die meisten Zwecke genügen. Romera bestätigt das im Prinzip, greift in der Praxis aber trotzdem zu amerikanischen Frontier-Modellen. Zwischen diesen beiden Aussagen liegt der Abstand zwischen der technisch ausreichenden Lösung und derjenigen, die sich im Unternehmen durchsetzen lässt. Das ist eine Frage von Werkzeugen, Dokumentation und Integration, nicht von Modellqualität.
- Die Regulierungsdebatte krankt an mangelnder Staffelung: Tazis Vorschlag, Modelle unterhalb der systemischen Risikoschwelle auszunehmen, entspricht dem, was der AI Act nominell bereits vorsieht. Dass diese Ausnahme in der Praxis kaum entlastet, ist der Vorwurf, den Fairman präzise benennt: Es fehlen die Mittel zur Durchsetzung dessen, was gilt. Stattdessen wächst der Umfang dessen, was nachzuweisen ist.
- Für die Schweiz stellt sich die Frage anders und dringlicher: Sie ist weder im AI Act noch in den europäischen Förderprogrammen. Die 13 AI Factories entstehen ohne sie. Gleichzeitig ist mit Apertus ein offenes Modell entstanden, das Tazi auf der Bühne als Beispiel dafür nannte, wie aufwendig konforme Entwicklung ist. Für Schweizer Unternehmen gilt Strharskys Liste in verschärfter Form: Wer weder im europäischen Rechtsraum noch im amerikanischen zu Hause ist, muss die Fragen zu Datenresidenz und Gerichtsstand selbst beantworten. Was das für den Umgang mit Daten bedeutet, haben wir in unserem Beitrag zur digitalen Privatsphäre in Europa und der Schweiz vertieft.
- Die Abstimmung ging gegen die Regulierung, nicht gegen Europa: 66% des Publikums hielten den AI Act für schädlich. Keine einzige Stimme auf dem Podium forderte hingegen, auf europäische KI-Anstrengungen zu verzichten. Der Streit ging um das Mittel, nicht um das Ziel. Wie unterschiedlich die möglichen Entwicklungspfade aussehen, zeigt unsere Einordnung zu 2 KI-Szenarien für 2028.
In eigener Sache. Zur Raumkapazität am AI Summit Barcelona
Bleibt eine Rückmeldung an die Organisation, die nichts mit dem Inhalt zu tun hat und trotzdem hierhin gehört.
Diese Debatte war die 2. Session innerhalb von 2 Tagen, die ich nicht im Saal verfolgen konnte. Am Vortag stand ich 10 Meter vor dem Demo-Raum und kam nicht mehr hinein, obwohl ich eine Viertelstunde vor Beginn dort war. Bei der Auditorium Stage war es dasselbe Bild, nur mit längerer Schlange.
Wer 15 Minuten früher erscheint und trotzdem vor der Tür bleibt, erlebt kein Kapazitätsproblem an den Rändern, sondern eines im Kern der Planung. Entweder ist der Veranstaltungsort für ein Event dieser Grössenordnung ungeeignet oder es wurden zu kleine Räume gebucht. Beides lässt sich beheben, das eine kurzfristig, das andere beim nächsten Mal.
Dass es einen Livestream gab, hat den Nachmittag gerettet. Als dauerhafte Antwort taugt er nicht. Wer für eine Konferenz anreist, tut das wegen des Saals und wegen der Gespräche davor und danach. Ein Stream ersetzt weder das eine noch das andere.
Quellen
- Sovereign AI or Surrender? Should Europe Stop Outsourcing Its AI Future?, AI Summit Barcelona, 23. September 2026 (auf dem Livestream verfolgt)
- The Draghi report on EU competitiveness, Europäische Kommission, September 2024
- Simplification and burden reduction, Europäische Kommission
- Administrative burden on EU businesses, Single Market Scoreboard
- R&D expenditure in the EU, Eurostat, Dezember 2025
- European cloud providers hold 15% of local market share, Synergy Research
- Artificial intelligence: Council and Parliament agree to simplify and streamline rules, Rat der EU, 7. Mai 2026
- MEPs support postponement of certain rules on artificial intelligence, Europäisches Parlament, 16. März 2026
- EU’s von der Leyen calls for pacing frontier AI models, Euronews, 16. September 2026
- Katalonien wettet eine Milliarde auf KI. Bis 2030, openstream.ch
- Hacking im Zeitalter von KI. Warum MCP beide Seiten stärkt, openstream.ch
- 10% Risiko für die Auslöschung der Menschheit. Drei Szenarien im Faktencheck, openstream.ch
- KI-Anbieter in der Schweiz im Vergleich, openstream.ch
- Apertus. Das Schweizer Sprachmodell, openstream.ch
Beitragsbild erstellt mit GPT-5.5.

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