Digital Independence Day

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Lady Liberty Digital Independence Day

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Heute ist der dritte Digital Independence Day. Er findet jeweils am ersten Sonntag im Monat statt. Die Initiative ist noch jung. Sie entstand Anfang 2026 und versteht sich als Einladung, digitale Abhängigkeiten bewusst wahrzunehmen und Alternativen kennenzulernen.

Der Gedanke dahinter ist schlicht: Digitale Infrastruktur ist nicht neutral. Sie wird gebaut, betrieben und kontrolliert – von Unternehmen, von Staaten, von Forschungseinrichtungen. Wer sie nutzt, geht strukturelle Bindungen ein.

Der Digital Independence Day ist
 ein gemeinsames Projekt vieler Organisationen, koordiniert von Save Social – Networks For Democracy in Hamburg. Er findet jeweils am ersten Sonntag im Monat statt. Er ist kein politischer Feiertag und keine Branchenveranstaltung.

Er ist eine regelmässige Erinnerung daran, dass digitale Abhängigkeiten nicht abstrakt sind. Sie entstehen durch konkrete Entscheidungen: welche Software eingesetzt wird, wo Daten gespeichert werden, welche Protokolle akzeptiert werden, welche Modelle trainiert werden dürfen – und unter welchen Bedingungen.

Digitale Unabhängigkeit wird oft mit Datenschutz oder Plattformkritik gleichgesetzt. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass sie vor allem eine Infrastrukturfrage ist. Staaten, Forschungseinrichtungen und Unternehmen entscheiden darüber, wie tief sie sich in proprietäre Systeme einbinden oder ob sie auf offene Architekturen setzen, die langfristig gestaltbar bleiben.

Die Schweiz: Strategische Zurückhaltung und offene Modelle

In der Schweiz wurde diese Perspektive zuletzt deutlich, als die Schweizer Armee den Einsatz von Software des US-Unternehmens Palantir Technologies nicht weiterverfolgte. Die Diskussion drehte sich nicht um einzelne Funktionen, sondern um strukturelle Fragen: Wer kontrolliert Analyseprozesse? Wer erhält Zugriff auf Metadaten? Welche langfristigen Bindungen entstehen? In sicherheitsrelevanten Bereichen werden solche Abwägungen inzwischen systematisch vorgenommen.

Independence Day Fireworks

Parallel dazu entwickelt sich in der Schweiz eine andere, konstruktive Linie: der Aufbau eigener, offener Systeme. 2025 stellten Forschende der ETH Zürich gemeinsam mit Partnern ein vollständig offenes, transparent dokumentiertes Sprachmodell vor. Ziel war es, nicht nur ein leistungsfähiges Modell bereitzustellen, sondern Trainingsdaten, Architektur und Gewichtungen nachvollziehbar zugänglich zu machen. Solche Initiativen verschieben den Schwerpunkt von der Nutzung externer KI-Dienste hin zur eigenständigen Forschung und Anpassung.

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Hinzu kommt eine strukturelle Weichenstellung auf Bundesebene: Seit 2025 gilt in der Schweizer Bundesverwaltung der Grundsatz, dass neu entwickelte Software grundsätzlich als Open Source veröffentlicht werden soll. Öffentlich finanzierte Lösungen werden damit wiederverwendbar. Das betrifft keine spektakulären Anwendungen, sondern oft interne Verwaltungssoftware, Schnittstellen oder Fachmodule. Gerade diese unsichtbaren Komponenten prägen langfristig digitale Souveränität.

Deutschland: Institutionalisierte Open-Source-Strategien

In Deutschland wurde die Frage der digitalen Souveränität in den vergangenen Jahren organisatorisch verankert. Das ZenDiS koordiniert seit seiner Gründung die Open-Source-Strategie des Bundes. Ergänzend dazu unterstützt die Sovereign Tech Agency gezielt die Wartung und Stabilisierung zentraler Open-Source-Komponenten, die in vielen öffentlichen und privaten Systemen eingesetzt werden.

Der Fokus liegt weniger auf neuen Benutzeroberflächen als auf Basistechnologien: Bibliotheken, kryptografische Module, Sicherheitsinfrastruktur. Digitale Unabhängigkeit entsteht hier durch kontinuierliche Pflege.

Auf Landesebene verfolgt Schleswig-Holstein seit mehreren Jahren eine schrittweise Migration hin zu Open-Source-Arbeitsplätzen und offenen Fachverfahren. 2025 wurden weitere Umstellungen umgesetzt. Solche Prozesse verlaufen nicht abrupt. Sie erfordern Schulung, organisatorische Anpassung und langfristige Budgetplanung. Digitale Souveränität wird hier als Transformationsprozess verstanden.

Offene KI-Sprachmodelle aus Deutschland

In Deutschland wurde mit dem Projekt OpenGPT-X ein staatlich gefördertes Forschungsprogramm aufgebaut, das die Entwicklung offener, europäischer Sprachmodelle zum Ziel hatte. Koordiniert wurde es unter anderem vom Fraunhofer IAIS gemeinsam mit weiteren Partnern aus Wissenschaft und Industrie.

Teuken-7B Sprachmodell

Aus diesem Projekt ging unter anderem das Modell Teuken-7B hervor. Es wurde 2025 veröffentlicht und zeichnet sich durch seine Mehrsprachigkeit und offene Lizenzierung aus. Neben den Modellgewichten wurden auch Trainingsansätze und technische Dokumentation bereitgestellt.

Solche Projekte verfolgen weniger das Ziel, kommerzielle Plattformen direkt zu ersetzen. Sie schaffen vielmehr eine Grundlage, auf der Behörden, Unternehmen und Forschungseinrichtungen eigene Anwendungen entwickeln können, ohne vollständig von proprietären API-Anbietern abhängig zu sein.

Österreich und kommunale Strategien

In Österreich setzt die Stadt Wien weiterhin auf offene Standards und Open-Source-Komponenten in verschiedenen E-Government-Bereichen. Die Architektur vieler neuer Module ist so gestaltet, dass Schnittstellen dokumentiert und Datenformate offen bleiben. Dadurch bleibt die Möglichkeit erhalten, Systeme zu erweitern oder Anbieter zu wechseln.

Diese Entscheidungen erscheinen im Alltag wenig spektakulär. Sie wirken sich jedoch langfristig auf Beschaffungszyklen, Wartungsmodelle und Innovationsspielräume aus.

Digitale Unabhängigkeit als kontinuierliche Praxis

Was sich über die DACH-Region hinweg beobachten lässt, ist keine Abkehr von globalen Plattformen. Cloud-Anbieter, internationale Kollaborationstools und spezialisierte KI-Dienste bleiben integraler Bestandteil vieler Infrastrukturen. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein dafür, dass Alternativen verfügbar sein sollten.

Digitale Unabhängigkeit bedeutet nicht vollständige Autarkie. Sie bedeutet Wahlmöglichkeiten. Sie entsteht durch offene Standards, dokumentierte Schnittstellen, transparente Modelle und institutionelle Pflege von Basistechnologien.

Für Unternehmen wie Openstream, die mit Webtechnologien, E-Commerce-Architekturen und KI-Integrationen arbeiten, sind diese Fragen Teil der täglichen Praxis. Jede API-Entscheidung schafft Bindungen. Jede proprietäre Plattform reduziert oder erweitert Gestaltungsspielräume. Offene Systeme verlangen mehr Verantwortung – Wartung, Sicherheitsupdates, Dokumentation – eröffnen aber auch mehr Einflussmöglichkeiten.

Der Digital Independence Day kann in diesem Kontext als regelmässiger Anlass verstanden werden, solche Entscheidungen bewusst zu reflektieren. Nicht als symbolischer Akt, sondern als Erinnerung daran, dass digitale Infrastrukturen gestaltbar sind. Monat für Monat.

Credits

  • Beitragsbilder von Guilherme Bustamante und Niklas Ohlrogge
  • Illustration von Thomas Park

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