Agentic Payments oder wenn der Checkout verschwindet

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Das Leben ist zu kurz, um mit einem Zahlungsvorgang zu interagieren – sagte David Kauer im September 2024 auf einem PostFinance-Event in Zürich. Das war damals ein Satz über den Checkout. Über Reibung. Über zu viele Klicks. Über Formulare, die unsere Zeit fressen.

Im Januar 2026 ist derselbe Satz plötzlich viel mehr: eine Beschreibung dessen, was gerade passiert. Denn die Diskussion rund um Payments hat eine neue Richtung bekommen. Nicht mehr nur: Wie wird Bezahlen schneller? Sondern: Wer bezahlt überhaupt?

Wenn KI-Agenten in Zukunft den Online-Detailhandel durchstreifen – Produkte finden, Alternativen vergleichen, Warenkörbe füllen – dann ist es nur logisch, dass sie irgendwann auch am Ende der Kette stehen: beim Bezahlen. Agentic Payments sind deshalb keine neue Zahlart. Sie sind eine neue Rollenverteilung.

Der Online Handel steht vor einem Wechsel der Hauptfigur

Bis heute war die Hauptfigur immer dieselbe: der Mensch vor dem Bildschirm.

  • Produkt finden
  • vergleichen
  • Warenkorb
  • Adresse
  • Zahlungsart
  • Bestätigen

Der E-Commerce hat dieses Drehbuch über zwei Jahrzehnte optimiert. Und er wird es auch weiterhin optimieren. Aber es kommt eine neue Figur dazu. Keine neue Wallet. Keine neue Karte. Kein neuer Payment Provider. Eine neue Instanz. Ein Agent. Nicht als futuristische Spielerei, sondern als nüchterne Realität: ein System, das deine Präferenzen kennt, deine Kaufabsicht versteht, deine Grenzen respektiert – und nicht nur recherchiert, sondern auch handelt.

Damit wird der Checkout nicht «wegoptimiert», er wird delegiert.

UI wird nicht verschwinden – aber sie verliert ihre Exklusivität

Wichtig: Agentic Payments bedeuten nicht, dass User Interface (UI) irrelevant wird. Selbst wenn Gen Z und Gen Alpha in Zukunft darüber lächeln werden: Gen X und Millennials werden auch in 20 Jahren noch durch einen Checkout klicken.

Weil sie es wollen. Weil es sich kontrollierbar anfühlt. Weil viele Menschen bewusst entscheiden möchten – besonders bei grösseren Ausgaben oder neuen Shops. Die Zukunft ist deshalb nicht «UI oder Agent».

Die Zukunft ist: UI und Agent.

  • Menschen klicken, wenn sie wollen.
  • Agenten handeln, wenn sie dürfen.

Der Detailhandel muss beide Welten bedienen – gleichzeitig.

Agentic Payments E-Commerce

Das neue Normal: Du gibst nicht mehr eine Zahlung frei – du gibst ein Mandat

Wenn du heute etwas online kaufst, ist der Ablauf klar:

Ich will dieses Produkt und ich bin jetzt bereit zu zahlen.

Bei Agentic Payments wird das eher:

Ich will, dass mein Agent solche Dinge in meinem Sinne erledigt – ohne mich jedes Mal zu fragen.

Das ist ein fundamentaler Unterschied.

Und es ist genau der Punkt, an dem der Online-Detailhandel ein neues Kapitel beginnt. Denn wenn Agenten einkaufen, ist nicht mehr entscheidend, ob der Checkout drei Schritte oder fünf Schritte hat.

Entscheidend ist:

  • Wie wird eine Zahlung ausgelöst?
  • Wie sicher ist das Mandat?
  • Wie beweisbar ist die Zustimmung?
  • Wie fein lassen sich Limits setzen?

Und: Wie passt das zur Schweiz?

Die Schweiz als Sonderfall: TWINT ist nicht nur Zahlungsmittel – es ist Kultur

Wer in der Schweiz über Online-Payment spricht, kommt an TWINT nicht vorbei.

Im Online Handel ist TWINT längst nicht mehr «nur eine Option». Es ist für viele Käuferinnen und Käufer der Default. Weil es vertraut ist. Weil es schnell ist. Und weil es sich im Alltag weniger nach «Finanzsystem» und mehr nach «Werkzeug» anfühlt.

Das macht TWINT zu einem perfekten Beispiel für die Frage:

Was muss passieren, damit mein Agent über TWINT bezahlen kann?

Denn genau hier wird klar: Agentic Payments sind nicht einfach «noch ein Feature». Sie sind eine Vertrauens- und Integrationsfrage.

Eine Szene aus der nahen Zukunft

Stell dir vor, du sagst deinem Agenten:

«Kauf mir bitte alle zwei Wochen wieder die gleichen Dinge: Kaffee, Aromat, Pflaster – weil irgendjemand immer irgendwo blutet. Aber nur, wenn Preis und Qualität stimmen. Und bitte nicht bei irgendwelchen neuen Shops.»

Der Agent macht dann, was er tun soll:

  • beobachtet Preise
  • erkennt, wann du nachbestellen musst
  • kennt deine bevorzugten Händler
  • füllt Warenkörbe
  • optimiert Versandkosten

Und dann kommt der entscheidende Moment: Zahlung. Nicht als UI-Element. Nicht als Button. Sondern als Aktion. Und hier wird TWINT zum Härtetest. Denn TWINT ist in seiner Logik stark an Nutzerinnen und Nutzer gekoppelt – inklusive Bestätigung. Das ist kein Makel, sondern genau der Grund, warum Menschen TWINT vertrauen. Aber Agentic Payments brauchen einen Mechanismus, der Delegation erlaubt, ohne dieses Vertrauen zu zerstören.

Was passieren muss, damit ein Agent über TWINT zahlen kann

Wenn man es auf das Wesentliche reduziert, braucht es drei Dinge:

Ein Mandat, das TWINT akzeptiert

Ein Agent kann nicht «einfach zahlen». Er braucht einen Rahmen:

  • maximaler Betrag pro Transaktion
  • Monatsbudget
  • erlaubte Händler (Whitelist)
  • Produktkategorien
  • Zeitfenster
  • Ablaufdatum

Das ist im Kern nichts anderes als das, was Abozahlungen heute schon tun – nur flexibler. Man könnte sagen: Abos sind die Vorstufe. Agentic Payments sind die verallgemeinerte Form.

E-Commerce Future

Eine Bestätigungslogik, die nicht nervt – aber Vertrauen schafft

TWINT wird in vielen Fällen nicht komplett ohne Bestätigung funktionieren. Realistisch ist eher ein Modell wie:

  • bekannte Händler, kleine Beträge → automatisch
  • neue Shops, grössere Beträge → «Step-up» in TWINT (Bestätigung per App)

Das ist ein sehr schweizerischer Kompromiss: pragmatisch, sicher, nachvollziehbar. Und er ist sogar ein Vorteil. Denn Agentic Payments müssen Vertrauen gewinnen. Und in der Schweiz ist Vertrauen häufig wichtiger als maximale Friktionfreiheit.

Eine standardisierte Schnittstelle, die den Detailhandel nicht überfordert

Jetzt kommt ein Protokollthema ins Spiel. Wenn sich das Universal Commerce Protocol (UCP) durchsetzt, entsteht ein entscheidender Vorteil: Detailhändler müssen nicht für jeden Agenten eine neue Integration bauen.

Stattdessen wird Zahlungsfähigkeit so etwas wie ein deklarierbarer Standard:

  • Händler sagen: «Ich akzeptiere TWINT über Provider X»
  • Agent erkennt: «Ich kann TWINT in diesem Kontext nutzen»
  • Payment läuft über einen definierten Handler-Flow

Kurz: Das Universal Commerce Protocol macht Payment nicht neu – aber es macht Payment andockbar. Und genau hier liegt der Hebel für Schweizer Payment Provider: Nicht, weil sie neue Zahlarten erfinden müssen, sondern weil sie eine Agenten-Schnittstelle brauchen.

Der eigentliche Wandel: Payment wird Capability – nicht mehr zwingend UI

Heute ist Payment etwas, das man sieht:

  • Logos
  • Buttons
  • Checkout-Seiten

In der agentischen Zukunft ist Payment etwas, das man beschreibt:

  • Welche Präferenzen hast du?
  • Welche Limits gelten?
  • Welche Bezahlwege sind erwünscht?
  • Wann darf dein Agent autonom sein?

Und damit entsteht eine neue Art von Wettbewerb:

Nicht nur «Wer hat den besseren Preis?» Sondern: Wer ist agentenfähig?

Was das für Schweizer Online Händler bedeutet – schon heute

Auch wenn Agentic Payments 2026 noch nicht flächendeckend als Alltag sichtbar sind: Vorbereitung beginnt nicht erst beim Bezahlen.

Sie beginnt viel früher:

  • saubere Produktdaten
  • klare Variantenlogik
  • maschinenlesbare Policies (Versand, Rückgabe, Garantie)
  • transparente Gebühren
  • stabile Payment-Integrationen über PSPs
  • Subscription/Recurring-Optionen als erster Delegations-Einstieg

Denn Agentic Commerce ist kein Add-on. Es ist ein neuer Layer über dem E-Commerce.

Und Blockchain?

Blockchain wird in dieser Geschichte nicht die Hauptrolle spielen.

Vielleicht taucht sie im Hintergrund auf: bei API-Micropayments, bei automatisierten B2B-Prozessen oder in Spezialfällen.

Im Schweizer Online Handel wird die entscheidende Frage eher eine andere sein:

Kann ein Agent so bezahlen, wie Schweizerinnen und Schweizer bezahlen wollen?

Und das heisst sehr oft: TWINT.

Credits

  • Beitragsbild von Pang Yuhao
  • Illustrationen von Masantocreative