Universal Commerce Protocol (UCP) – ein offener Standard für KI-Agenten

·

·

Spätestens seit OpenAIs Shopping-Vorstoss rund um Instant Checkout ist klar: E-Commerce bekommt einen neuen «Verkaufskanal», der nicht wie ein Kanal wirkt. Keine Produktlisten, keine Filter, kein klassisches Shop-Interface – sondern ein Gespräch. Oder genauer: ein KI-Agent, der in unserem Auftrag Produkte findet, vergleicht, auswählt, bestellt, bezahlt und liefern lässt.

Damit das zuverlässig funktioniert, braucht es aber mehr als nur gute Modelle. Es braucht Standards.

Denn was gerade entsteht, ist nicht einfach «E-Commerce mit Chatbot», sondern eine neue technische Schicht zwischen Konsument und Shop: Agentic Commerce. Und genau hier setzt das Universal Commerce Protocol (UCP) an: ein offener Standard für KI-Agenten, um sich mit beliebigen Händlern zu verbinden und Transaktionen durchzuführen.

Universal Commerce Protocol

Die grosse Frage lautet daher nicht mehr, welche Plattform die beste Checkout-UX bietet – sondern welches Protokoll es schafft, die Komplexität des Handels so zu abstrahieren, dass Agenten wirklich zuverlässig einkaufen können. Warum dieser Standard den nächsten E-Commerce-Zyklus definieren könnte, schauen wir uns in diesem Artikel genauer an.

Besonders bemerkenswert ist dabei, wer hinter dieser Initiative steht. UCP wurde massgeblich von Ilya Grigorik beschrieben und mit vorangetrieben – einem der profiliertesten Köpfe im Bereich Web-Performance und Internet-Protokolle. Grigorik war lange Zeit Engineer bei Google, hat das moderne Web-Ökosystem über Jahre mitgeprägt (insbesondere rund um Performance sowie HTTP- und Netzwerk-Themen) – und bringt damit genau jene Denkweise in den Commerce-Bereich, die es für einen Standard braucht: Interoperabilität, Versionierung, Aushandlung und Erweiterbarkeit.

Gleichzeitig kommt diese Standardisierung nicht aus dem akademischen luftleeren Raum, sondern direkt aus der Praxis: Grigorik ist heute bei Shopify Distinguished Engineer und Technical Advisor to the CEO. Damit sitzt er genau an der Stelle, an der Commerce nicht nur als Produkt, sondern als skalierbare Infrastruktur gedacht werden muss – und wo Protokolle und Standards langfristig entscheidender sein können als einzelne Features.

In Kombination mit der Tatsache, dass Google und Shopify das Protokoll gemeinsam entwickelt haben (unter Mitwirkung grosser Handelsakteure), wird klar: UCP ist nicht als proprietäre Einzellösung gedacht, sondern als potenzieller universeller Unterbau für agentischen Handel – offen, erweiterbar und anschlussfähig an verschiedene Ökosysteme.

Was ist UCP – und warum kommt es jetzt?

Das Universal Commerce Protocol (UCP) ist ein offener Standard, der AI Agents ermöglichen soll, mit Händlern zu interagieren und Transaktionen durchzuführen – inklusive Warenkorb, Checkout, Payment-Auswahl, Identitätsverknüpfung und Order Management.

Man kann UCP als eine Art «HTTP für Commerce» verstehen:

  • HTTP standardisiert, wie Browser (Clients) und Websites (Server) sprechen.
  • UCP will standardisieren, wie AI Agents (Clients) und Commerce-Systeme (Server/Plattformen) sprechen – aber in einer Welt, in der die Komplexität nicht verschwindet, sondern explodiert.

Und das ist wichtig: Commerce ist universell – aber nicht uniform. Genau diese Formulierung steht am Anfang des Artikels Building the Universal Commerce Protocol (UCP) von Ilya Grigoriks und trifft den Kern: Commerce ist universal, aber nicht uniform – nach 20+ Jahren Shopify bleibt es hochkomplex: Rabatte, Steuern, Versand, Zahlungsoptionen, etc.

Wenn also AI Agents zuverlässig einkaufen sollen, reicht kein «Plugin» – es braucht ein robustes, verhandelbares Protokoll.

UCP vs. Agentic Commerce Protocol (ACP): Konkurrenz oder Evolution?

OpenAI hatte mit Stripe im September 2025 das Agentic Commerce Protocol (ACP) als Grundlage für Instant Checkout vorgestellt.

UCP knüpft an dieselbe Idee an, positioniert sich aber breiter:

  • ACP: Fokus auf Agent ↔ Merchant Checkout-Kommunikation (stark aus OpenAI/Stripe Perspektive)
  • UCP: Fokus auf einen vollständig interoperablen Universalstandard, der mehrere Transports, Anbieter und Ökosysteme einbindet

UCP wurde laut Grigorik mit Google co-entwickelt und in Zusammenarbeit mit Etsy, Target, Walmart, Wayfair gebaut.

Damit ist es weniger ein «Feature-Protocol» für einen einzelnen AI Checkout, sondern eher die Architektur für ein ganzes agentic commerce Internet.

Das zentrale Designprinzip: Layer statt Monolith

Der wichtigste technische Beitrag von UCP ist möglicherweise sein Layer-Modell. Grigorik beschreibt drei Ebenen:

Services (Transport & Operations)

Hier definiert UCP wie kommuniziert wird – inklusive Mapping auf verschiedene Transport-Schichten:

  • REST
  • MCP (Model Context Protocol)
  • A2A (Agent2Agent)
  • Embedded (eingebettetes Checkout-Erlebnis)

Capabilities (die eigentlichen Commerce-Verben)

Capabilities sind die eigentlichen, versionierten “Core Features”:

  • Checkout
  • Orders
  • Catalog
  • Identity Linking

Sie sind bewusst unabhängig versioniert, damit das Protokoll wachsen kann, ohne ständig alles zu brechen.

Extensions (Vendor / Domain Extensions)

Hier wird es realistisch: Commerce ist nie «nur Checkout». Extensions erlauben:

  • Loyalty-Systeme
  • Gift Cards
  • Installments / BNPL
  • Merchant-spezifische Logik
  • Regions-/Marktspezifika

Das Entscheidende ist, Extensions ergänzen die Capabilities systematisch – sie sind kein «Flickwerk», sondern bewusst als Teil der Architektur gedacht.

Discovery & Negotiation: UCP denkt wie das Web

E-Commerce scheitert in der Praxis selten an «kann API callen». Er scheitert an: Welche Regeln gelten gerade?

Beispiele:

  • Der Merchant bietet Loyalty + Gift Cards – aber nur für bestimmte Regionen.
  • Der Agent kann Gift Card nicht.
  • Payment Methods hängen von Cart, User Region, Fraud Rules, PSP Setup ab.

UCP löst das nicht mit «wir definieren die 5 Zahlungsarten».

Sondern mit einem Mechanismus aus Discovery und Negotiation:

  • Merchant publiziert ein Profil, was unterstützt wird
  • Agent publiziert ein Profil, was er kann
  • Negotiation berechnet die Schnittmenge – pro Transaktion

Grigorik zieht hier explizit die Analogie zur HTTP Content Negotiation (z.B. Accept, Content-Type). Das ist nicht nur ein nettes Bild – das ist die Web-DNA, die Standards erfolgreich macht.

UCP ist agentisch – aber nicht agent-only

Ein richtig gutes Detail in Grigoriks Text ist der Fokus auf das Zusammenspiel Humans and Agents, together.

Denn die Realität ist:

  • manche Checkouts können komplett automatisiert laufen
  • andere benötigen menschliche Schritte:
    • rechtliche Vorgaben
    • Policies
    • fehlende Capability
    • Sicherheits-Gates

UCP bildet das sauber ab und bietet dafür eine continue_url:

Die Käuferin kann an exakt der Stelle weitermachen, wo der Agent aufgehört hat – gleiche Session, voller Kontext.

Das ist extrem wichtig, weil es verhindert, dass Agent-Commerce zu einer «Blackbox» wird.
Stattdessen: Hybrid-Automation.

Embedded Checkout Protocol: UX ohne Redirect

Checkout wird nicht einfach ausgelagert – er wird eingebettet.

UCP hat dafür das Konzept «Embedded Checkout Protocol»:

  • Agent rendert Merchant Checkout embedded
  • Bidirektionale Kommunikation
  • Credential Delegation
  • Unified Branding

Damit wird das übliche «Link Out → Checkout → Link Back»-Problem für Conversational Commerce aufgelöst.

Das ist exakt der Shift, den Agentic Commerce erzwingt: UX ist nicht mehr Website-zentriert, sondern Intent-zentriert.

Payments als «two-sided negotiation»

Payment ist vermutlich das schwierigste Feld für Agenten – nicht wegen Technik, sondern wegen:

  • Haftung
  • Fraud
  • KYC
  • PSD2 / SCA
  • Payment Preference beim User
  • Routing Rules beim Merchant

UCP beschreibt Payment nicht als «Zahlungsmethode wählen». Sondern als Aushandlung zwischen zwei Parteien:

  • Merchant: optimiert seit Jahren PSP / Fraud / Routing / Coverage
  • Buyer: hat Wallets, Präferenzen, BNPL, Saved Cards

UCP lässt beide Seiten festlegen, welche Optionen sie unterstützen – und ermittelt für jede einzelne Transaktion die passende Schnittmenge. So muss Payment in Agent-Commerce funktionieren. Denn Agent-Commerce ist kein «Checkout-UI», sondern ein dynamisches System, das sich pro Kontext verändert.

UCP & MCP: der unterschätzte strategische Hebel

Ein Detail aus der UCP-Spec ist bemerkenswert:

UCP Capabilities können 1:1 als MCP Tools gemappt werden.

Das bedeutet:

  • Wer MCP bereits unterstützt, kann Commerce als Tool-Layer «plug-in-fähig» machen.
  • AI Agents brauchen dann keine proprietären Integrationen mehr pro Shop-System.
  • Stattdessen: «Ich spreche MCP, ich kann UCP».

Für WordPress-/WooCommerce-Ökosysteme ist das hochspannend: Nicht weil WooCommerce plötzlich UCP «out of the box» spricht – sondern weil ein WooCommerce-UCP-Adapter zu einem strategischen Asset werden kann.

Was UCP für Händler, Plattformen und Shop-Systeme bedeutet

Für Händler

UCP wird perspektivisch zu einer neuen Pflichtdisziplin wie früher:

  • Mobile-optimierte Websites
  • Payment Wallets
  • Structured Data / Feed-Optimierung

Nur heisst es jetzt:

  • Agent-Readiness
  • Capability Profiles
  • Payment Negotiation
  • Identity Linking

Wer das früh sauber aufsetzt, wird von Agents bevorzugt – weil frictionless.

Für Plattformen (AI / Search / Social)

Für Plattformen wie Google, aber auch für AI-Interfaces, Suchmaschinen, Social Apps oder «Super Apps», ist Commerce seit Jahren strategisch attraktiv: Man möchte den Kaufabschluss möglichst nah an den Moment bringen, in dem das Interesse entsteht – also dorthin, wo Nutzerinnen und Nutzer ohnehin schon sind.

Das Problem war bisher immer: Commerce ist nicht standardisiert. Die Integrationen sind teuer, fragil und schwer skalierbar – weil jeder Merchant und jedes System eigene Regeln mitbringt (Taxes, Shipping, Discounts, Payments, Identity, Fraud). Wenn man Commerce als Feature anbieten will, landet man schnell in einem Integrations-Labyrinth aus:

  • individuellen Merchant-Integrationen,
  • Sonderfällen pro Land und Payment Provider,
  • sich ständig ändernden Checkout-Flows,
  • hohem Wartungsaufwand,
  • und entsprechend hohen Kosten.

Genau hier ist UCP so relevant: UCP reduziert Commerce für Plattformen von einer Integrationsaufgabe zu einer Protokoll-Frage.

Statt jede Händler-Anbindung separat zu bauen, reicht es künftig im Idealfall, das Protokoll zu unterstützen. Dann kann eine Plattform grundsätzlich mit jedem Merchant arbeiten, der ebenfalls UCP implementiert.

Oder anders gesagt: UCP ist der Schlüssel, um Commerce wirklich als universelles Feature anzubieten – ohne jede Merchant-Integration selbst bauen zu müssen.

Für WooCommerce / Shopify / Shopware / Magento

Die spannendste Frage ist nicht, wer gewinnt, sondern: Wer wird «Agent-kompatibel» – und zwar wirklich?

Denn in einer agentischen Commerce-Welt ist nicht mehr entscheidend, welches System «die besten Templates» oder «die schönsten Produktseiten» liefert. Entscheidend ist, ob ein Shopsystem in der Lage ist, die Logik eines Shops so standardisiert nach aussen zu exponieren, dass KI-Agenten zuverlässig damit arbeiten können – inklusive der typischen Realität des Handels: Varianten, Steuern, Rabatte, Versandregeln, Wallets, Fraud, AGB-Checks, Identity, Retourenprozesse.

Und genau hier verändert UCP die Spielregeln: UCP macht Agent-Kompatibilität messbar – über Capabilities, Profiles und Negotiation, statt über Marketingversprechen oder «wir sind AI-ready»-Badges.

Shopify: Protokollkompetenz als Wettbewerbsvorteil

Für Shopify ist UCP strategisch extrem plausibel. Shopify hat über viele Jahre Commerce-Komplexität abstrahiert und produktisiert – und ist es gewohnt, als Plattform eine «Commerce Runtime» bereitzustellen. Ein Standard wie UCP ist quasi die nächste Evolutionsstufe: weg vom reinen Web-Checkout hin zu einer Commerce-Schicht, die auch von Agents konsumiert werden kann.

Das ist kein Widerspruch zur bisherigen Shopify-Strategie – sondern eher deren logische Fortsetzung: Shopify als infrastrukturelle Basisschicht, nicht nur als Shop-Frontend.

WooCommerce: Chance durch Offenheit – Risiko durch Fragmentierung

Bei WooCommerce ist die Lage ambivalenter – aber hochspannend.

Auf der einen Seite hat WooCommerce etwas, das für Standards wie UCP grundsätzlich ideal ist: ein riesiges Ökosystem und eine Open-Source-Basis, die prinzipiell schnelle Innovation ermöglicht. Ein gut gebauter UCP-Adapter oder ein offizielles UCP-Plugin könnte WooCommerce sehr stark positionieren, weil es Millionen Shops «agent-ready» machen könnte.

Auf der anderen Seite ist WooCommerce technisch stark geprägt durch:

  • Plugin-Realität statt Plattform-Kontrolle
  • individuelle Checkout-Modifikationen
  • Extensions, die Businesslogik verändern
  • sehr unterschiedliche Hosting-Qualität / Performance

Genau deshalb wird bei WooCommerce nicht die Frage sein «kann WooCommerce UCP?», sondern:

  • Wie standardisiert kann WooCommerce typische Checkout- und Order-Flows abbilden?
  • Wie robust bleibt das bei 20 Plugins, 3 Payment Gateways und individuellen Discounts?
  • Wer übernimmt langfristig Wartung/Versionierung?

Kurz gesagt: WooCommerce hat hier eine grosse Chance – aber es braucht mehr Koordination als in klassischen Feature-Zyklen.

Shopware und Magento: Enterprise-Stärke, aber Adapter-Frage

Shopware und Magento (Adobe Commerce) sind häufig stärker im Enterprise-/Midmarket-Umfeld und in komplexen B2B-Setups. Dort gibt es oft sehr ausgeprägte Prozesse: Kundenpreise, Angebotsflows, Freigaben, Budget-Limits, SAP/ERP-Logik, spezielle Versandbedingungen.

Das kann zum Vorteil werden – wenn UCP (oder Extensions davon) solche Realitäten abbilden kann. Gleichzeitig ist klar: Diese Systeme werden UCP in der Praxis kaum «einfach so» implementieren, sondern über:

  • offizielle Integrationen
  • Partner-Connectoren
  • oder spezialisierte Middleware

Hier wird Interoperabilität zum Produkt: Wer den besten UCP-Connector anbietet, kontrolliert den Agent-Zugang zum Shop.

Die neue Realität: Agent-Readiness wird ein Plattform-Feature

Unterm Strich entsteht ein neues Bewertungsraster für Shop-Systeme:

  • Wie «agent-kompatibel» ist der Checkout?
  • Wie gut lassen sich Capabilities deklarieren?
  • Wie sauber ist Payment Negotiation abbildbar?
  • Wie robust sind Identity Linking und Order Management?

Und damit verschiebt sich E-Commerce ein Stück weit von «Theme + Conversion Optimierung» zu «Protocol + Interoperability».

Fazit: Der Standardkampf hat begonnen – aber UCP wirkt «web-native»

Wenn man die letzten 20 Jahre E-Commerce betrachtet, ist es offensichtlich:

  • Standards gewinnen, wenn sie Extensibility, Negotiation, Profiles ernst nehmen.
  • Standards scheitern, wenn sie nur für die Idealwelt geschrieben werden.

UCP wirkt in seiner Architektur so, als hätten Shopify und Google genau das begriffen:

  • Commerce ist zu komplex für starre APIs
  • AI Agents brauchen dynamische Verträge
  • Capability Negotiation ist kein Zusatz – es ist der Kern

Oder in Grigoriks Worten:

The bazaar is open.

Und genau das ist die richtige Metapher: UCP versucht nicht, den Handel zu zentralisieren. Es versucht, ihn interoperabel zu machen – so wie das Web selbst.

Beitragsbild von Vitaly Gariev.